Massenselektion vs Klonselektion

Was verbirgt sich hinter diesen Begriffen?

 

Natürliche Reproduktion ohne menschlichen Eingriff

Die Rebe hat männliche Organe (Staubblätter, die sich normalerweise im Mai entwickeln) und weibliche Organe (Stempel). Jede Pflanze kann sich somit allein oder mit einer Nachbarpflanze reproduzieren. Das Rebstock-Kind, das aus den Traubenkernen des befruchteten Rebstocks hervorgegangen ist, hat vielleicht ein etwas anderes Genprofil als seine Eltern, da Pflanzen auf natürliche Weise mutieren. Es ist somit nicht ein Klon seiner Eltern. (Zur Erinnerung: Ein Klon ist nicht ein GMO, ein Genetisch Modifizierter Organismus, sondern ein Individuum mit exakt demselben DNA eines anderen Individuums). Die Verwendung dieses Rebstock-Nachwuchses, das aus einer Paarung hervorgegangen ist, bei der der Winzer nicht mitzureden hatte, stellt ein Risiko dar. Vielleicht, weil er damit einen nicht so guten Wein erzeugen kann? Aber er hat noch weitere Optionen.

 

Klonselektion

Das ist die am meisten verwendete Technik. Der Winzer wählt in einem Katalog seiner Rebschule einen Klon der gewünschten Rebsorte aus. Für die Chardonnay-Rebsorte hat er die Wahl unter 75, 76, 116 ... Dann bepflanzt er normalerweise eine ganze Parzelle damit. Diese Lösung hat mehrere Vorteile. Zunächst wurde die gewählte Rebpflanze gewissenhaft von dem Züchter selektiert. Deshalb favorisieren die staatlichen Behörden diese Technik. Die Jungpflanze ist krankheitsfrei und eine der am besten geeigneten Sorten.

Für den Winzer vereinfacht es den Anbau und die Weinlese (alle Trauben gelangen gleichzeitig zur Reife), wenn er genau die gleiche Rebe auf der gleichen Parzelle hat. Auch die Gärung sollte dadurch einfacher ablaufen. Wenn aber alle Trauben identisch und - so hoffen wir - vorzüglich sind, könnte das nicht zu einer Standardisierung der Weine führen? Außerdem muss man hoffen, dass der Klon im Fall eines Krankheitsbefalls resistent ist, denn sonst ist die gesamte Parzelle bedroht.

 

Massenselektion

Diese Technik wird seit den Urzeiten des Weinanbaus praktiziert. Auf seiner Parzelle oder der seines Nachbarn hat der Winzer eine Rebpflanze gefunden, die schöne Früchte erzeugt. Wenn er davon einen Steckling machen und ihn etwas weiter pflanzen will, macht er einen sogenannten „Absenker“. Er lässt einen Rebzweig etwas länger wachsen, gräbt neben seiner Rebpflanze ein Loch in den Boden und biegt den Rebzweig da hinein. Er wird mit Erde bedeckt und entwickelt selbst Wurzeln. Der Winzer kann die Kind-Pflanze dann von der Mutterpflanze trennen. In beiden Fällen hat die neue Rebpflanze dasselbe Genmaterial wie die Mutterpflanze, es handelt sich also um einen Klon. Die Selektion wurde jedoch vom Winzer gemacht, und die Parzelle ist mit vielen sehr unterschiedlichen Rebpflanzen bepflanzt. Der Wein wird somit origineller sein, sich von dem des Nachbarn unterscheiden und wahrscheinlich mehr Komplexität aufweisen.

Absolutes Vertrauen in die Wissenschaft, Ablehnung von Mehrarbeit, jedoch Erhaltung der Diversität - eine Problematik, der sich viele der heutigen Winzer konfrontiert sehen.

 

Alain Echalier

01/12/2017